Landtagswahlen 2026: Jeder Zweite hat keine Angst vor der AfD – die Mehrheit hält sie trotzdem für rechtsextrem

📷 Forrest Cavale/Unsplash
Die INSA-Umfrage zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt liest sich wie ein Rorschachtest für die deutsche Demokratie: Jeder Zweite (49 Prozent) hat keine Angst vor der AfD – und doch hält eine Mehrheit von 53 Prozent die Partei für rechtsextrem. Zwei Wochen vor der Wahl am 6. September zeigt sich eine Kluft, die mehr über die Gesellschaft verrät als über die Partei selbst: Die Normalisierung schreitet schneller voran, als viele glauben wollen. Quelle: zeit.de – Umfrage: Jeder Zweite hat keine Angst vor der AfD
Die gefährlichste Gewöhnung ist die, die man nicht mehr spürt
49 Prozent ohne Angst, 53 Prozent mit Rechtsextrem-Einstufung – das ist kein Widerspruch, sondern die Beschreibung eines schleichenden Prozesses. Wer die AfD nicht mehr fürchtet, hat sich an ihre Präsenz gewöhnt: an ihre Reden im Landtag, ihre Plakate an jeder Laterne, ihre Kandidaten in Talkshows. Genau diese Gewöhnung ist der eigentliche Erfolg der Partei. Sie muss die Demokratie nicht mehr frontal angreifen; es reicht, wenn die Demokratie aufhört, sie als Bedrohung wahrzunehmen. Die 53 Prozent, die sie trotzdem für rechtsextrem halten, haben offenbar den Verfassungsschutz gelesen: Der stufte den sachsen-anhaltischen Landesverband bereits als gesichert rechtsextrem ein – eine Einstufung, die kein anderes Bundesland teilt, aber auch keines widerlegt hat.
Wer zahlt den Preis der Beruhigung?
Der Preis dieser Beruhigung ist nicht abstrakt. Er heißt: Koalitionsarithmetik, in der eine Partei, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, plötzlich als „normaler Partner" gehandelt wird. Er heißt: politische Mitte, die sich nach rechts verschiebt, um Wähler zurückzuholen, die gar nicht mehr zurückwollen. Und er heißt: Menschen in Sachsen-Anhalt, die sich bei Kommunalwahlen, Vereinen oder Nachbarschaften fragen, ob ihre Stimme, ihr Name, ihr Engagement plötzlich „politisch" sind. Die Freiheit, die hier verloren geht, ist nicht die der Umfrageteilnehmer – es ist die Freiheit derer, die von einer normalisierten AfD am härtesten getroffen würden.
Die andere Perspektive: Angst ist kein Argument
Man kann einwenden: Angst vor einer Partei ist kein demokratisches Argument, und eine Umfrage, die 49 Prozent „keine Angst" misst, zeigt vielleicht einfach, dass die Menschen sich ihre Meinung selbst bilden. Richtig. Aber genau darum geht es nicht. Es geht darum, dass fehlende Angst nicht mit fehlender Gefahr verwechselt wird. Wer keine Angst hat, wählt deshalb noch lange nicht AfD – aber wer keine Angst hat, nimmt der Gesellschaft auch die Alarmbereitschaft, die demokratische Institutionen wie den Verfassungsschutz, Gerichte oder zivilgesellschaftliche Initiativen erst wirksam macht. Die „Ja, aber"-Frage lautet also nicht „Ist die AfD gefährlich?", sondern: Was passiert mit einer Demokratie, deren Wähler die Gefahr nicht mehr sehen, die ihre eigenen Behörden benennen?
Was am 6. September wirklich entschieden wird
Am 6. September wird nicht nur ein Landtag gewählt. Es wird entschieden, ob eine als rechtsextrem eingestufte Partei erstmals an einer Regierung in Ostdeutschland beteiligt wird – direkt oder indirekt, durch Mehrheiten, Enthaltungen oder stille Duldung. Die Umfrage vom Wochenende zeigt: Die Brandmauer bröckelt nicht an den Rändern, sondern in den Köpfen. Wer Demokratie verteidigen will, muss deshalb nicht nur gegen die AfD argumentieren – sondern gegen die Gleichgültigkeit, die sie möglich macht. Denn die größte Gefahr für die Demokratie ist nicht die Partei, die sie angreift, sondern die Mehrheit, die dabei wegschaut.
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