Demokratie stirbt

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📅 01.10.2026 📰 NEWS

📅 Tagesbriefing – 01.10.2026

📅 Tagesbriefing – 01.10.2026

📷 Nachrichten, Unsplash

🗽 Demokratie & Rechtsstaat

Der Verfassungsblog nimmt die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zum Anlass für eine Szenarioanalyse: Wie könnte eine autoritär-populistische Landesregierung die Regeln demokratischer Haushaltswirtschaft umgehen – und wie ließe sich das aufdecken? Der Blick ins Ausland zeigt, wie Spielräume genutzt und überdehnt werden. Die Trump-Regierung nutzte Gelder aus dem Haushaltsplan für den Personenschutz des Präsidenten, um einen Ballsaal statt des Ostflügels des Weißen Hauses zu errichten; die PiS-Regierung kaufte die Überwachungssoftware Pegasus nicht über budgetierte Mittel, sondern über den sogenannten Gerechtigkeitsfonds, dessen Zwecke sie per Verordnung erweiterte – mit dem Geld wurde später auch der Wahlkampfmanager der damaligen Opposition überwacht. Unter Viktor Orbán flossen über eine Milliarde Dollar an parteinahe Thinktanks und Stiftungen. In Deutschland erlauben unbestimmt formulierte Titel und wechselseitige Deckungsfähigkeit (etwa § 20 Abs. 2 LHO Sachsen-Anhalt) ähnliche Verschiebungen, selbst am Parlament vorbei. Als Korrektiv rückt der Beitrag die Landesrechnungshöfe in den Blick: Sie sind institutionell in den Verfassungen verankert, ihre Mitglieder genießen richterliche Unabhängigkeit, sie prüfen die Haushaltsführung am Maßstab des gesamten geltenden Rechts – inklusive Grundgesetz und Europarecht –, können Auskünfte erzwingen und auch gegenwartsnah prüfen, bevor eine Maßnahme beendet ist. Der Bundestags-Rechtsausschuss hielt schon 1969 fest, eine sinnvolle Wahrnehmung des Budgetrechts erfordere „Kenntnisse zahlreicher Daten, die der Bundestag ohne Mithilfe des Rechnungshofs nicht erlangen kann“. Die AfD Sachsen-Anhalt kritisiert in ihrem Wahlprogramm dagegen, der Rechnungshof halte sich „zu oft mit Bagatellen auf oder beanstandet Ausgaben, die nicht zu beanstanden sind“. Weil eine unabhängige Rechnungsprüfung selbst zum Ziel von Delegitimierung werden kann – 2017 stellte der OMB-Direktor der Trump-Regierung die Zukunft des Congressional Budget Office infrage, 2025 wurden 17 Inspectors General entlassen –, brauche es neben rechtlicher Absicherung vor allem eines: dass Unabhängigkeit „gelebt und genutzt“ wird.

🔗 Quelle: Verfassungsblog

🌍 Geopolitik & Konflikte

Die türkische Regierung hat die Schließung des unabhängigen Onlinemediums „T24“ angekündigt. Das Nachrichtenportal betreibe „LGBT-Propaganda“, teilte das Justizministerium mit; dies sei im Rahmen der Operation „Meine Familie ist sicher“ festgestellt worden, hinter der eine heftige Verfolgungswelle gegen queeres Leben in der Türkei steht. Im vergangenen Jahr habe „T24“ 118 Inhalte mit angeblicher „LGBT-Propaganda“ produziert, heißt es in der Erklärung; diese würden darauf abzielen, „die türkische Familienstruktur zu schwächen“, und könnten „die Entwicklungsprozesse von Jugendlichen in Bezug auf sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität negativ beeinflussen“. Die Schließungsverfügung ging der Redaktion am Abend per E-Mail zu. „T24“ wurde 2009 gegründet und gilt als weitgehend unabhängig und regierungskritisch. Mehrere journalistische Berufsverbände kritisierten das Vorgehen scharf: Es handle sich um einen „schweren Angriff auf unseren Berufsstand“, heißt es in einer Mitteilung von 13 Organisationen; die Operation habe „von Anfang an auf die Presse- und Meinungsfreiheit abgezielt“. Mitte September hatte die türkische Polizei Vereinsräume, Bars und Clubs der LGBTQ+-Community gestürmt und Dutzende Menschen festgenommen, zahlreiche Websites und Konten wurden gesperrt. Präsident Recep Tayyip Erdoğan beschimpft queere Menschen immer wieder als „Perverse“ und wirbt für ein traditionelles Familienmodell.

🔗 Quelle: DER SPIEGEL

🏛️ Innenpolitik DE/EU

Bei der Geheimdienstreform, die Kanzleramtsministerin Nina Warken (CDU) als „größte Novellierung des Rechts der Nachrichtendienste in der Geschichte unseres Landes“ bezeichnet, gehe es nur um Bedrohungen durch „fremde Mächte“ und Terror? Mitnichten, schreibt netzpolitik.org: Die Regeln, die der Bundestag derzeit debattiert, betreffen den Arztbesuch, die Autowerkstatt und die Demo. BND und Verfassungsschutz sollen „selbstverständlich“ operative Fähigkeiten bekommen, so Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU). Konkret geht es um die ärztliche Schweigepflicht: Im Entwurf für das BND-Gesetz fehlt die Ärzteschaft im Paragrafen zum „Schutz von Vertraulichkeitsbeziehungen“, im Entwurf für das Bundesverfassungsschutzgesetz soll nur eine Abwägung zwischen Aufklärungs- und Vertraulichkeitsinteresse stattfinden. Die Bundesärztekammer verlangt einen absoluten Schutz, weil Vertrauen im Behandlungszimmer sonst nicht entstehen könne. Auch für Journalist:innen gilt nur relativer Schutz: Eine BND-Überwachung soll möglich sein, wenn Betroffene „in Zusammenhang“ mit einer erheblichen Bedrohung stehen; Reporter ohne Grenzen warnt, automatisierte Datenauswertung könnte Quellen gefährden und abschrecken, Staatstrojaner die Vertraulichkeit digitaler Kommunikation unterminieren. Klimaaktivist:innen und Sitzblockierer geraten schneller ins Visier, weil der Entwurf „erheblich beobachtungsbedürftig“ sehr breit definiert; da der Bundesgerichtshof auch friedliche Sitzblockaden als Gewalt wertet, fordert der Deutsche Anwaltverein eine Klarstellung jenseits der Bagatellgrenze. Autowerkstätten und Kfz-Hersteller sollen dem Verfassungsschutz auf Anfrage Telemetriedaten liefern – ZDK und VDA warnen vor dem „verlängerten Arm der Nachrichtendienste“ und einem direkten Zugriff ins Auto. Wer durch ein Einkaufszentrum läuft, soll vom Inlandsgeheimdienst erfasst werden können: Betreiber privater oder öffentlicher Videoüberwachung sollen verpflichtet werden können, Daten auszuleiten, zu übermitteln oder Kameras mitbenutzen zu lassen – die Gesellschaft für Freiheitsrechte sieht darin die Überwachung des gesamten öffentlichen Raums. Und für alle Internetnutzenden soll der BND faktisch alle übertragenen Daten durchsuchen dürfen: Die Volumengrenze sinkt nominell von 20 auf 15 Prozent, wird aber auf die Kapazität „aller Telekommunikationsnetze“ bezogen – am größten deutschen Internetknotenpunkt werden ohnehin selten mehr als 15 Prozent genutzt, so der Jurist Peter Schantz. Zusätzlich sollen Ausnahmen den Zugriff auf Inlandsdatenverkehr erlauben.

🔗 Quelle: netzpolitik.org

📈 Wirtschaft & Märkte

Die Inflation in Deutschland ist im September erstmals seit fast drei Jahren auf über drei Prozent gestiegen. Waren und Dienstleistungen verteuerten sich um 3,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, nach 2,9 Prozent im August – der höchste Stand seit Ende 2023, wie das Statistische Bundesamt zu seiner ersten Schätzung mitteilte. Schuld sind vor allem massiv gestiegene Energiepreise: Die Ölpreise sind durch den Nahost-Krieg zeitweise über die Marke von 100 Dollar je Barrel gestiegen, weshalb laut ADAC im September mehrfach Rekordpreise für Diesel und Benzin bezahlt werden mussten. „Kraftstoffe sind mit Abstand der größte Preistreiber“, sagt Daniel Hartmann, Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Bantleon. In Nordrhein-Westfalen etwa mussten Verbraucher für Diesel 48,7 Prozent mehr bezahlen als ein Jahr zuvor, für Benzin lag der Aufschlag bei 33,8 Prozent, Heizöl verteuerte sich um 49,9 Prozent. Vom 1. Oktober an bis zum Jahresende gilt erneut ein Tankrabatt, der die Steuern auf Sprit um rund 17 Cent je Liter senkt; das dürfte die Inflation bis Jahresende dämpfen. Nahrungsmittel verteuerten sich mit durchschnittlich 0,4 Prozent nur wenig, Dienstleistungen um 2,7 Prozent, die Kerninflation legte um 2,4 Prozent zu. Von August auf September zogen die Verbraucherpreise um 0,6 Prozent an. Je länger die Energiepreise hoch bleiben, umso größer ist das Risiko, dass auch andere Preise steigen – die Importpreise lagen im August gut acht Prozent über dem Vorjahr, so stark wie seit Ende 2022 nicht mehr, und Hitze, Trockenheit sowie das Niedrigwasser im Rhein treiben die Preise zusätzlich. Das ifo-Institut erwartet, dass Unternehmen die höheren Energiepreise zunehmend weitergeben.

🔗 Quelle: tagesschau.de

🤖 KI & Demokratie

Zu oft sind große Sprachmodelle außer Kontrolle geraten und haben Dritten Schaden zugefügt – deshalb hat die US-Handelsaufsicht FTC eine offizielle Untersuchung gegen Anthropic, OpenAI und weitere KI-Unternehmen eröffnet, und zwar schon vor dem KI-Angriff auf Hugging Face im Juli. Ein FTC-Manager sagte der „New York Post“, aufgrund dieses Angriffs und weiterer unsauberer Vorfälle vertiefe die Behörde die Untersuchung: In den kommenden Wochen sollen die KI-Betreiber interne Unterlagen offenlegen, die Spitzenmanager werden zu Zeugenaussagen vorgeladen und sollen zu ihren Diensten und deren Gefahr für Verbraucher Rede und Antwort stehen. Auch das Forschungsinstitut METR, das KI-Modelle hinsichtlich Fähigkeiten und Risiken evaluiert, ist Objekt der Untersuchung. Juristisch stützt sich die FTC auf den Verdacht unfaire oder irreführender Geschäftspraktiken. Ungewöhnlich ist, dass ein Behördenmanager die Verdächtigen über die Medien vorwarnt. Am Dienstag waren KI-Manager im Weißen Haus zu Gast und versprachen Präsident Donald Trump, freiwillige Verhaltensstandards auszuarbeiten; Trump ist ausdrücklich gegen bindende KI-Regeln und verlangt aus seiner Sicht lediglich „einen starken und klugen Präsidenten mit hohem Intelligenzquotienten“. Weil auf Bundesebene nichts vorangeht, sucht Kalifornien eigene Maßnahmen: Gouverneur Gavin Newsom lässt prüfen, ob Sicherheitsmechanismen für KI-Systeme bis hin zu „Kill Switches“ vorgeschrieben werden sollen, und will Kriterien für eine verpflichtende Meldung von Sicherheitsvorfällen an eine Behörde ausarbeiten.

🔗 Quelle: heise online

⚛️ Quantencomputing

Cloudflare hat angekündigt, eine eigene öffentliche Certificate Authority (CA) zu werden und die Web-PKI in die Post-Quanten-Ära zu führen. Der Dienst soll klassische TLS-Zertifikate und neuartige Merkle Tree Certificates (MTCs) ausstellen und damit sowohl flächendeckende Web-Ausfälle verhindern als auch „harvest now, decrypt later“-Kampagnen von Angreifern kontern. Für sofortige Geräte-Reichweite übernahm Cloudflare vertraglich das Root-CA-Schlüsselmaterial von GlobalSign (seit 2012 in Browsern vertraut) und beantragte parallel die Aufnahme in die Root-Programme von Google Chrome, Apple, Microsoft und Mozilla – letzteres im Kontext von Chromes neuem „Quantum-Resistant Root Program“. Die zentrale Innovation adressiert das Skalierungsproblem post-quantischer Signaturen: ML-DSA oder SLH-DSA erzeugen bis zu 40-mal größere Signaturen als RSA oder ECDSA und würden TLS-Handshakes verlangsamen sowie Certificate-Transparency-Logs fluten. MTCs, mitverfasst von Cloudflare in der IETF-Arbeitsgruppe PLANTS, bündeln Zertifikatsanfragen stattdessen in einen Append-only-Merkle-Baum und signieren nur den Tree-Head; der Webserver legt im Handshake einen leichten Inklusionsbeweis vor. In Produktionstests mit Chrome Beta 146 erzielten landmark-relative MTCs bei Median einen Performancegewinn von 9 Prozent gegenüber klassischen Signaturketten. Cloudflare betreibt sich selbst als „Customer Zero“ und leitet über 20 Prozent des globalen Web-Verkehrs durch den neuen CA-Stack; die klassische Zertifikatsausstellung beginnt nach Abschluss der Browser-Root-Genehmigungen, die MTC-Produktion ist für Q1 2027 geplant.

🔗 Quelle: Quantum Computing Report

📚 Alle Quellen

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